Transidentität und Ich

Zunächst einmal für die Unwissenden; was ist das überhaupt?

Transidentität (altmodisch: Transsexualität) ist das aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht ganz geklärte, klare Gefühl, im falschen Körper zu leben, und sich eigentlich einem anderen Geschlecht oder keinem gängigen zugehörig zu fühlen.

Es ist nicht zu verwechseln mit Crossdressern oder Transvestiten, die sich aus unterschiedlichen Beweggründen gerne zeitweilig wie das andere Geschlecht kleiden, schminken o.ä., um ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Sie fühlen sich nach wie vor dem eigenen Geschlecht mehr oder weniger zugehörig und passend.

Im anerkannten ICD10 in der Psychologie wird Transsexualität als Krankheitsbild F64 fixiert. Man kann sich jetzt darüber streiten, ob es fair ist dies als Krankheit zu betiteln, oder eher hilfreich, da man so auch die Krankenkasse in die Pflicht nehmen kann bei Behandlungen.

Hier gibt es natürlich noch Untergruppen (Transsexuell, Transsexuell unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen, TS in der Jugend…).

Ich werde hier fortfolgend für Transidentität die Abkürzung „TI“ verwenden.

Wie lebt man damit?

Schwer.

Manche schaffen es ein Leben lang, oder einen Teil des Lebens wie ich, ihr wahres Ich aufgrund der scheinbar unabänderbaren anatomischen Begebenheiten zu akzeptieren oder zu tolerieren und im falschen Geschlecht ein Leben zu führen.
Mancher lebt das auch, was er natürlich kann. Jeder möchte sein Ich so weit leben, dass es komfortabel und angenehm ist. Jeder ist ein Individuum. Nicht jeder muss einem Leben von der Stange entsprechen. Was wäre unsere Welt langweilig.

Doch was, wenn das Leben alleine so nicht reicht? Wenn man sich im Spiegel sieht oder an sich herab in den Schambereich und ablehnt, was man sieht, weil man dort etwas anderes erwartet/erhofft? Dann ist guter Rat teuer. Denn man ist wie man geboren wurde.

Heutzutage gibt es Möglichkeiten. Man kann sich um eine (verschreibungspflichtige!) Hormontherapie bemühen. Sie unterdrückt gebürtige Hormone und fügt dem Regelkreis die erwünschten Hormone hinzu. Der Körper kann sich darauf einstellen, verteilt Muskelmasse und Körperfett etwas um, die Psyche spielt natürlich zunächst verrückt, aber auf Langzeit gesehen gibt man dem Körper (und Kopf?) tatsächlich das Gefühl, dem anderen Geschlecht anzugehören.
Zum Glück fallen einem dadurch keine Geschlechtsorgane ab 😉
Allerdings bildet sich beim Mann-zu-Frau-(MzF)TS etwas mehr Brust (leider bei jedem mit individuell unterschiedlichem Erfolg), während die Frau-zu-Mann-(FzM)TS ein wenig an Brustmasse verlieren würde.
Doch im Schritt ändert sich natürlich nichts. Da bleibt das, was da ist, auch wenn es etwas schrumpft oder bei FzM etwas anschwillt.
Da gibt es nur noch eine drastische Methode: plastische Chirurgie. Und ich erspare euch hier bildhafte Beschreibungen dieser Fleischorgie, wie aus einem mit viel Geschnipsel und Genähe das andere modelliert wird. Ihr könnt gerne mal „gaOP“ googeln. Aber bitte nicht direkt nach oder vor dem Essen 😉
Wichtig wäre zu erwähnen, dass solche OPs keine volle Funktionalität bieten können. Bei Frau-zu-Mann bin ich jetzt nicht voll informiert, Errektionsfähigkeit und Sexualität sei wohl möglich.
Bei Mann-zu-Frau ist Sexualität, Orgasmusfähigkeit und Eindringbarkeit gegeben, aber bei den meisten OP-Methoden ist beispielsweise keine eigene Sekretbildung möglich. Ohne Gleitgel ist also alles trocken. Das wird so nichts.
Ebenso gibt es zwar eine modellierte Vagina, aber natürlich keinen Uterus. Somit ist eine MzF-TS nach einer OP steril. Kinder werden wir nie bekommen können. Und einen Zyklus haben wir dann auch nicht.

Aber nicht jeder geht diesen Weg. Und nicht jeder, der ihn geht, geht ihn komplett. Manchen reicht es sich zu „verkleiden“, und/oder es in Teilzeit zu leben. Andere sind mit Hormontherapie glücklich und haben eben noch ein männliches Geschlechtsorgan.
Manche können sich erst dann als Frau fühlen, wenn sie eben auch vollständig Frauen sind, und dazu muss man eben auch beim Griff in den Schritt sofort wissen und sexuell erfahren können, das jetzt alles stimmt.

TI und ICH

Was für ein Fall bin ich? Tja, ich habe 35 Jahre das Falsche gelebt und so viel versucht, es zu ertragen. Aber es geht nicht mehr. Und ich bin nicht unbedingt die schillernde Persönlichkeit, die sich nur über die Außenwirkung definieren kann. Ich brauche die Aufgabe meines Gemächts und eine Vagina, um mich endgültig definieren zu können. Mir geht es um mich allein. Mir ist es (inzwischen) fast egal, ob meine Außenwelt mich ansprechend findet und dem weiblichen Geschlecht zuordnet oder nicht, solange ich das endlich kann. Denn ich möchte mich anatomisch richtig fühlen, sitzend aufs Klo gehen, und natürlich, auch wenn manche das ja nie zugeben würden, stehe ich klar dazu, dass ich mich auch emotional und vor allem sexuell richtig empfinden möchte.
Ohne Endziel OP sehe ich da aktuell kein Land.
Nachtrag 2018: Und wie4 sich zeigt, hat die gaOP mir zu einem großen Schritt nach vorne verholfen. Mein Körper ist nicht perfekt. Aber ich schäme mich nicht mehr. Es ist einfach schön.

TI und meine bipolare Störung

Man könnte ja meinen, meine bipolare Störung vernebelt mir die Sinne. Aber – am Ende war alles richtig. Man kann Läuse und Flöhe haben, ohne dass das irgendwas miteinander zu tun hat.

 

Sollten hier deutlich erfahrenere TI oder Angehörige drüber lesen und Fehler finden oder, noch viel besser, Tipps für mich haben, dann gerne und viel und jederzeit, solange es sachlich ist.

Ich verzweifle gerade an der sturen Bürokratie. Auskünfte zu bekommen ist wie den Passierschein A38 zu bekommen („Das Haus, das Verrückte macht“, Asterix erobert Rom).

Danke fürs Lesen und die Neugier, denn Neugier ist gut.

Rebecca

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