Ich hab’s getan (Phase 1)

Nachtrag für letzte Woche Donnerstag, da am Wochenende alles drunter und drüber ging…

Ich hab’s getan! Ich hab’s getan! Ich bin am Donnerstag letzte Woche zu meinem Chef marschiert und habe mich ihm anvertraut. Mich geoutet. Ihm meine Situation geschildert. Und er war überraschenderweise ganz entspannt. Das wäre kein Problem. Er würde sich zunächst mal bedeckt halten, aber intervenieren wenn es zu Problemen käme. Das Tempo und den Weg läge in meinem Ermessen.

Ich bin begeistert. Auch wenn wir uns in letzter Zeit gut vertragen und ich daher dachte es wäre eine angemessene Geste des Vertrauens bei ihm zu beginnen, so war ich ja doch etwas ängstlich, ich könnte mich irren und mein Arbeitsleben dank „Praxistest“ vor die Hunde gehen. Doch aktuell sieht es noch nicht danach aus. Allerdings ist das nur Phase 1. Es folgen für mich noch zwei weitere Phasen.

Phase 2 ist das Outing vor allen Kollegen. Phase 3 das tatsächliche Erscheinen als Rebecca. Und das sind noch ganz große Schritte. Immerhin bin ich von einer Horde testosterongesteuerter Nerds umgeben, bei denen ich mir echt nicht sicher bin, ob sie das ganz locker sehen, oder arg damit zu kämpfen haben es zu akzeptieren. Eigentlich geht die mein Privatleben gar nichts an, aber ab einem gewissen Punkt muss man Dinge mit der Welt teilen, um Verständnis zu ernten. Irgendwann lernst du als Transmensch, dass dein Leben eine öffentliche Veranstaltung ist. Und nur mit dem Kopf voran kannst du das durchstehen. Angriff ist die beste Verteidigung. Und das aus meinem Munde, einer kleinen Schisserin, die sich generell am liebsten zu Hause einsperrt. Ist ja nicht so dass ich nicht eh mit meinem Selbstbild zu kämpfen hätte. Hinter jedem Lächeln steckt auch ein Mensch mit Ängsten und Sorgen. Mein Lächeln ist auch nur ein schwebendes Konstrukt. Denn dieser „Leidensdruck“, von dem die hochnäsigen Psychologen und Amtsärzte da ständig schwafeln, ist mehr als nur eine Depression. Es ist die Freude, man selbst sein zu dürfen, mit der Scham und der Angst, in der Öffentlichkeit entblößt zu werden. Nicht nur körperlich (Ärzte, OP…), sondern eben auch seelisch. Du kannst dich nicht vor andere stellen und sagen „ich bin transsexuell („Transidentität“ hat ja eh noch keiner gehört…), ich werde ab nächster Woche als Frau zur Arbeit kommen“, ohne die Bereitschaft, deinen Mitmenschen die Angst zu nehmen und ihnen Rede und Antwort zu stehen. Sie werden Fragen haben. Und das ist die beste und vor allem EINZIGE Chance das Eis zu brechen und den Alltag jemals wieder in Gang zu bringen. Die müssen sich ja nicht erklären. Sie sind ja „normal“. Das kennen sie nicht. Ich bin hingegen „anders“, daher muss ICH Schritte auf andere zugehen. Und wenn du bereit bist zu erklären und aufzuklären, dann hast du die Chance, dass die „Normalen“ dich wieder aufnehmen und akzeptieren. Das ist nicht fair, aber der einzig praktikable Weg. Also spielt Rebecca Erklärbärchen. Bald. Mit all der Angst die sie als wackeliges, unterdrücktes Mädchen mitbringt. Ja, eine Transidentität stärkt das Selbstvertrauen. Du musst alles selber in die Hand nehmen und Stärke zeigen. Für dich, für andere. Du musst ALLES managen. Vorbei ist das Versteckspiel hinter einer vorgegaukelten Normalität. Der erste Schritt, für sich selber endlich einzustehen, ist getan, und viele weitere folgen unweigerlich.

Dieser Donnerstag hatte es eh in sich. Um es nur kurz zu skizzieren:

Morgens früh: Mir platzt ein Reifen auf der Bundesstraße. So stehe ich also früh morgens (5:45 Uhr) auf einer Abfahrt (Standstreifen sind in der Pfalz irgendwie unnötiger Luxus) und wechsle ein Rad. Hmpf. War ziemlich genervt.

Vormittags: Mir platzt die Geduld und ich marschiere zum Chef und frage, ob er kurz Zeit hat. Ich hätte da ein privates Anliegen. Den Verlauf habe ich ja bereits erzählt.

Mittags: Ich erfahre, dass ein Kollege krank geworden ist, und ich offensichtlich die einzige andere Person bin, die für die Firma nach Wien fahren kann. Gewissermaßen freiwillig (höhö) erkläre ich mich also dazu bereit.

Nachmittags: Absoluter Stress; noch einen Trolly kaufen (hab ja seit der Trennung nicht mal mehr einen Koffer oder sowas), gleich noch ein bisschen Shoppen gegangen (coole Shirts entdeckt)

Abends: Freude, mein erstes Gutachten ist in Kopie endlich angekommen. Jippie. Das erste amtliche Dokument, dass mich als transidente Person beschreibt. Endlich was auf dem Papier. Begeisterung.

Abends bis nachts: Packen. 4h Schlafen. Um 4 losfahren. 755km nach Wien. Doch das wird eine andere Geschichte…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.