Ein Stein kommt ins Rollen

Halli Hallo.

Kommenden Montag ist mein zweiter und letzter Gutachtertermin für den Antrag auf Personenstandsänderung. Auch wenn der erste Gutachter den zweiten Kollegen kannte und mich beruhigte, dass auch dieser bei meinem Fall recht klar nicken wird, bin ich dennoch aufgeregt. Egal wie einfach und ersichtlich die Prüfung ist, es geht hier immerhin um etwas. Um meine Zukunft. Meine Identität. Also … bin ich langsam wieder aufgeregt.

Nach diesem Termin müssen die Gutachten nur noch geschrieben und dem Amtsgericht zugesandt werden. Das machen die Gutachter von sich aus, da sie ja auch ihren Auftrag vom Amtsgericht erhielten. Vom ersten Gutachten habe ich immer noch nicht wie erbeten eine Kopie zugesandt bekommen. Ich kann also davon ausgehen, dass es noch in einem Stapel Arbeit beim Psychologen rumliegt. Dabei sehne ich mich so sehr nach einem Stück Papier. Ein erstes Stück Papier, das ganz klar von einem Spezialisten formuliert besagt, dass ich wirklich Transgender bin. Alles andere ist unter Verschluss beim Psychologen und vertraulichen Arztakten und für mich nicht als Vorlage oder Beweis für irgendwen verwendbar. Verständlich also, dass ich gerne was in Papierform in Händen hätte, um sowohl Krankenkasse, als auch alle anderen relevanten Bezugspersonen von mehr als nur meinen eigenen Worten überzeugen zu können. Ich bin ganz nah dran… (hier mental den Soundtrack von „Küss den Frosch“ einfügen, schön jazzig…)

Naja, aber dennoch werden die Gutachter jetzt sicher nicht mehr kneifen, alles zurückziehen oder alles vergessen. Trotz aller Paranoia bin ich zuversichtlich, dass jetzt Steine ins Rollen gekommen sind. Wheels are in motion, auch ohne dass ICH ständig was tun muss. Endlich sind auch mal andere in die Pflicht genommen worden, auf mein konstantes Quengeln zu reagieren. Sobald ich dann das erste Gutachten habe, geht, wenn mein Therapeut nicht auch noch was dazu legen will, mein erstes ganz konkretes Schreiben an die Krankenkasse. Ich lege erste Sachbelege zu Protokoll für die Akten. Ich will mir zustehende Leistungen. Ich will Kostenübernahme für Hormone, und ich will die provisorische Kostenzusage für eine geschlechtsangleichende OP. Und das darf gerne gestern passieren. 1,5 Jahre warten ist anstrengend. Wenn man schon selber endlich den Mut zusammen bringt etwas durchzuziehen und dann 1,5 Jahre wartet, wird es wirklich anstrengend. Dies ist die wahrscheinlich anstrengendste Zeit überhaupt, so kann ich es mir vorstellen. Klar, das öffentlich weiblich erscheinen gegenüber meiner Tochter und dem Arbeitgeber wird noch ein schwerer Brocken. Und die anstrengende OP wird der größte Brocken. Ich werde sicher nervös sein, Angst schieben, meinen letzten Lebensmut zusammen nehmen müssen um das durchzustehen. Aber – darauf zu warten dass man bald turbulente Zeiten erleben wird – das ist das schlimmste. Man weiß schon, was auf einen noch zukommt. Man möchte es endlich vollbringen und durchstehen. Und man wartet …. wartet … wartet …

Nach 1,5 Jahren kann ich mit Gewissheit sagen, dass das Warten vermutlich die schlimmsten Tortouren in solch einer Transition sind. Vorfreude, die noch nicht erfüllt wird. Angst, die noch nicht ihren Auslöser getroffen hat. Hoffnungen, die unbestätigt im Raum schweben. Es ist zermürbend. Ein Leben währt nicht ewig. Ich werde bald 36. Und immer noch stecke ich im falschen Körper, obwohl ich schon vor meinem 35. Geburtstag zu Handlungen bereit war. Hier muss dringend etwas an der Prozedur des Transsexuellengesetzes geschehen. Das ist einfach grausam. Ich mag ein Stehauf-Mädchen sein (hehe, -männchen fand ich gerade irgendwie unpassend), aber wie viele da draußen geraten in solchen Situationen in eine tiefe Depression, weil sie sich hilflos ausgeliefert und nicht beachtet fühlen? Wie viele begleitende Therapien für Transidente haben praktisch eher den Zweck, die Verzweiflung in der Wartezeit ertragen zu lernen? Ich möchte eigentlich gar nicht, dass man mir Händchen hält. Ich bin schon ein großes Mädchen. Ich möchte schlicht einfach mal ernst genommen und behandelt werden. Ich habe Anspruch auf Leistungen. Ich habe genug Zeit vergeudet meine Meinung NICHT zu ändern. Es ist klar und eindeutig, wo die Reise hinführt. Alles andere ist jetzt wirklich nur noch blockierende Bürokratie. Unsinnige Bürokratie. Genau solche, die niemandem mehr nütze ist und nur unnötig das Unvermeidliche herauszögert. Hier geht das Gesetz zu pauschal und nicht individuell genug vor. Wenn ich zur Krankenkasse marschiere und äußere, dass ich Transgender bin – sollte es eigentlich eine Broschüre geben, in der ganz klar drin steht, welche Schritte zu tun sind. Abarbeiten, glücklich werden. Das würde sowohl den Krankenkassenmitarbeiterinnen (die mit meiner Anfrage letztes Jahr ganz offensichtlich nicht vertraut und völlig überfordert waren), als auch den Betroffenen helfen den Weg zielgenau und richtig zu gehen. Es kann nicht sein dass ich „googeln“ muss wie es bei anderen zufällig „funktioniert“ hat. Ist das ordentliche Information? Verzeihung, aber wenn ich jemanden verklagen will gehe ich auch zu einem Anwalt oder einer Beratungsstelle und kann mich rechtsverbindlich und offiziell informieren. Damit ich WEIß was ich einzuhalten und zu tun habe. Stochern im Dunkeln, unnötige Gänge, Warte- und Laufzeiten sowie das Informieren in unverbindlichen Foren und Webseiten, die von Privatmenschen betrieben werden und nur „Tipps“ geben, sind nicht das, was man als Bürgerin eines Rechtsstaats als einzig verwendbare Quelle erwartet. Das ist unbefriedigend. Tatsächlich empfinde ich gerade das erste mal in meinem Leben das Bedürfnis, mich politisch irgendwie zu engagieren. Und das erfrischenderweise nicht mal aus Eigennutz. Für mich ist der Zug eh bald abgefahren. Aber für alle, die nach mir folgen, muss es nicht die gleiche Tortour werden. Ich finde das nicht fair. Man fühlt sich absolut nicht ernst genommen und im Kreis geschickt. Und man sucht verzweifelt die Brotkrumen zusammen, die man hinterher benötigt, um sich Gehör zu verschaffen.

Aber genug Recht auf freie Meinungsäußerung ausgeschöpft.

Es passiert im Hintergrund etwas. Und ich bin froh, dass es auch ohne mich mal ein Stück weit weiter geht. Ich bin müde ständig nur allem nachzulaufen. Ich hätte gerne wieder etwas Lebensqualität zurück. Hoffentlich ist das in 2-3 Jahren der Fall, wenn ich bekommen habe was ich brauche. Dann kann ich endlich mehr als nur 50% meines Lebens selber leben und bestimmen.

Und ja, das klingt wieder völlig überdramatisiert. Könntet ihr in meinen Kopf gucken wäre es verständlicher, warum das Kämpfen um die eigene Identität einfach schwer zu bagatellisieren ist und ganz von selbst verdammt viel des Gedankenguts vereinnahmt. Es geht nicht um einen Job, einen Pass, eine Genehmigung… es geht um die grundsätzliche Identität. Damit zu jonglieren und diese nicht definiert zu wissen ist innerlich das Nichterfüllen eines Grundbedürfnisses. $1,1; die Würde des Menschen. Das ist nicht umsonst die ALLERERSTE Zeile unserer Gesetzgebung. Weil unsere Würde ein Grundbedürfnis ist. Wenn ihr verhungern würdet oder nicht wüsstet wo ihr morgen schlafen würdet, könntet ihr euch noch ungehindert mit anderen Dingen beschäftigen, oder würde das ganz klar in den Mittelpunkt eures Lebens rücken – Essen finden, Schlafplatz finden…??

Sicherlich ist die sexuelle Identität scheinbar ein Luxusding – aber es definiert wer wir sind, wie wir mit anderen Menschen umgehen, wie diese uns einordnen, und wir die Grundtriebe wie Liebe und Sexualität befriedigen. Also geht es doch um absolute Basics. Und diese sind für fast alle Menschen irgendwie klar definiert. Man ist etwas, man hat Bedürfnisse nach etwas, und danach strebt man und lebt man. Für alle klar. Außer für ein paar einzelne wie eben auch mich. Ich kann/darf noch nicht klar artikulieren was ich überhaupt bin. Und demnach ist es schwer sich in diese Rolle hineinzufügen und aus ihr heraus seine Bedürfnisse herauszulesen und nach Befriedigung zu suchen. Es fängt beim banalsten Thema an; ich wäre jetzt so weit zu erschnuppern, ob ich mit einem Mann eine Beziehung führen könnte. Weil ich (persönlich! nicht voreingenommen generell!) es für mich irgendwie natürlicher finde, wenn Männlein und Weiblein zusammen finden. Klar habe ich bi-Tendenzen, aber eher experimenteller Natur. Ich würde gerne, da ich ja eine Frau bin, den Gegenpol Mann als Beziehungspartner suchen. Doch ich BIN faktisch noch zu wenig Frau. Abgesehen davon, dass ich mit einem Mann sexuell nicht das tun könnte, was ich ALS FRAU mit ihm gern tun würde (nein, die „Notlösungen“ sind NICHT das gleiche!), würde mich auch kaum ein Mann natürlich als Frau wahrnehmen. Ich mag mich verkleiden und schon spielerisch zeigen, dass ich weiblich bin, aber mein Körper strahlt noch zu viele Interferenzen aus, die nicht nur ihn, sondern auch MICH irritieren. Das im Spiegel ist nun mal ein Kerl, und ich bin eine Frau. Da fehlt noch was. Ich bin eben NICHT eine neue Interpretation einer Geschlechtsidentität, die es ebenso gibt und Anerkennung und Integration verdient, sondern wirklich mental ganz klassisch Frau. Ich MÖCHTE gar nichts anderes, besonderes sein. Ich bin tatsächlich einfach genau das andere. Simpel. Greifbar. Gebt mir lang genug die gegensätzlichen Hormone, eine Vagina und Brüste, radikal reduzierte Körperbehaarung und ich bin glücklich. Bämm. Dann kann ich auch mein Leben danach ausrichten, wie mein Kopf und mein Körper funktioniert, und aus dieser Perspektive ein Leben aufbauen und meinen Zielen und Bedürfnissen nachgehen. Und auch meine Mitmenschen können daraus ablesen, wer oder was ich bin und was von mir zu erwarten ist. Ich möchte keinen Partner, der auf feminine Kerle steht und mich somit attraktiv findet, weil ich das schon bald nicht mehr sein werde. Ich bin aktuell ein Zwischenprodukt, das ich nicht anbieten kann, weil es sich noch ändert. Man soll nicht mein jetziges Ich begehrenswert und liebenswert finden. Das bin nicht vollständig ich. Der Schmetterling ist noch verpuppt. Wer auf Raupen steht wird sich UND mich enttäuschen. Weil ich bald ein Schmetterling bin. Wo stehe ich also? Nirgendwo. Ich warte… und hier dreht sich alles wieder im Kreis.

Getrennt lebend, bald geschieden, und ehrlich gesagt scharf darauf mit Mitte Dreißig endlich mein neues, endgültiges Leben zu beginnen – aber aktuell in der Warteschleife. Obwohl ich schon einige der NEUEN Bedürfnisse spüre. Aber so nicht leben kann. NOCH nicht. Arrrrrg.

Und in so einem Wirrwarr 1,5 Jahre zu verharren IST eine lange Zeit.

Aber Steinchen rollen. Es ist Licht am Ende des Horizonts. Es wird der Tag kommen an dem ich verdient stolz auf mich sein kann das alles überstanden zu haben ohne einzubrechen. Und auch jetzt schon kann ich stolz sein. Es hätte schneller gehen können, hätte ich schneller die richtigen Ansprechpartner gefunden, wäre ich noch hartnäckiger gewesen, hätte ich weniger schleifen lassen – aber das ist jetzt egal. Durchhalten. Es wird geschehen. Bald. Keine Diskussion.

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