Geduld…

Hallo mal wieder 🙂

Ich sitze alleine in meinem Schlafzimmer und sinniere. Was fange ich mit meinem Leben an? Wo führt das hin? Was wird mal sein?
Und vor allem: Was ist im Jetzt?

Es beschleicht mich ein Gefühl der Einsamkeit. Aber keine Reue. Ich weiß dass alles was geschehen ist geschehen musste, damit ich endlich zu mir finden kann. Unter meinem falschen, bisherigen Ich haben viele gelitten. Weil ich unausgeglichen war, selbstsüchtig, undefiniert, und selbstzentriert, doch ohne klares Ziel.
Ich konnte nicht erblühen, konnte mich anderen nicht vollständig öffnen und hingeben. Ein Teil blieb immer verborgen, sogar vor mir selbst.

Doch jetzt, wo ich es zulasse, ändern sich Dinge. Schleichend, unauffällig, für andere schwer ersichtlich. Ich bin tatsächlich noch selbstgefälliger, egozentrischer, gieriger nach MEINER Zukunft. Denn etwas anderes kann ich nicht mehr. Ich MUSS zu Ende bringen, was ich begonnen habe. Ich muss meine Mitte finden, aus der ich erblühen und auf andere zugehen kann. Es muss beendet werden.

Doch was ist in dieser Zeit? Ich habe eine verbitterte Ehefrau zurückgelassen, die mir nie vergeben wird und mich, so deute ich aus ihrem Verhalten heraus, auf ewig hasst. Denn ich habe sie vor die Wahl gestellt diesen Weg mit mir zu gehen oder zurück zu bleiben. Es war mir nicht möglich für sie alles aufzugeben. So wie es für sie nicht möglich war NICHT aufzugeben. Die Liebe ist erstickt in Schuldzuweisung und Wut ihrerseits, und in Enttäuschung meinerseits. Ich habe meine Heimat für sie verlassen, mich ihren Eltern und ihrem Mangel an Respekt mir gegenüber ausgesetzt, Freunde verloren – und sie wollte im Gegenzug diesen Weg nicht mal versuchsweise mit mir gehen. Bedingungslose Liebe ist also in unserem Fall ein Mythos, der an der Realität verendete. Und ich will jetzt auch nicht mehr zurück. Es sollte nicht sein.

Aber hier endet meine Reise nicht. Ich bin nicht plötzlich eine Frau und alles wird gut. Dies ist kein Märchen, keine Seifenoper, kein Kinderfilm mit Happy End. Dies ist das Leben. Ich habe alte Freunde verloren. Und ich habe neue gefunden. Doch auch diese kennen mich meist noch als mein bisheriges Alter Ego. Ich verlange viel von ihnen. Und man merkt wie es in der Realität an so vielen Dingen scheitert.

„…er … Andreas …“ sprechen sie über mich, während ich vor ihnen stehe mit C-Körbchen, Rock und einem femininen Pagenschnitt. Ganz selbstverständlich. OK, ich kann inzwischen über den Tellerrand schauen dass es nicht als Ablehnung gemeint ist, weder bewusst, noch unbewusst. Aber es geschieht. Einige Menschen werden nie akzeptieren was ich an mir akzeptiere – ich bin weiblich, auch wenn es ganz anders ausschaut und bisher anders schien. Ich war es immer, ich werde es immer sein. Egal wie lange meine gesamte Umwelt das nicht sehen darf oder kann. Das hat nichts mit einem bestimmten Verhaltensmuster oder Erscheinungsbild zu tun. Es ist was ich bin – die Definition meiner selbst. Egal wie viele Klischees ich bediene, und wie viele absolut prägnante ich völlig auslasse – das macht doch das Geschlecht nicht aus. Es gibt Frauen, die sind Handwerker, schaffen auf dem Bau, sind ganz coole „Bro’s“… und es gibt Grazien und Gazellen, Tussies und Diven. Die Welt ist so bunt. Ich kann alles sein – nur nicht männlich. Das bekommt mir nicht, das bin einfach nicht ich. Aber egal, darum geht es hier ursprünglich auch nicht…

Ich bin einsam. Egal wie viele Menschen um mich herum nichts ahnen, nichts wissen, damit noch nicht recht umzugehen wissen, oder bewusst versuchen höchst auffällig tolerant zu sein – sie alle können mich nicht einfach absolut natürlich integrieren als Rebecca. Weil sie mich nicht genau so wahrnehmen oder kennen gelernt haben. Ich stehe also immer in dem gewissen Selbstzwang, etwas beweisen zu wollen. Ich kleide mich weiblicher als es nötig wäre, versuche das total aufgeweckte Erklärbärchen zu sein – aber eine geborene Frau hätte dies nie nötig gehabt. Ich bin eben immer noch in allem was mich umgibt eine „künstliche“ Frau. Und egal wie tolerant die Welt sein möchte – irgendwo hat es Grenzen. Und diese spüre ich in meiner Transformation gewaltig. Hetero-Männer reagieren im allgemeinem etwas distanzierter, weil ich wohl Unbehagen auslöse, wenn ich umarmen und antappsen will (was jede Frau jederzeit dürfte ohne solcherlei Reaktionen). Jede Frau scheint mich wie ihren schwulen Freund zu behandeln, mit dem man prima Shoppen und tratschen kann, aber der eben als Sonderform toleriert wird. Niemand behandelt mich einfach ganz normal. Niemand mehr. Doch das habe ich ja auch angestoßen. Ich war das eine, und werde jetzt das andere. Und die armen Außenweltler müssen mir hinterher hecheln.

Ich verlange viel. Und das bereitet mir Kummer. Ich möchte nichts unmögliches verlangen. Ich erhoffe mir Natürlichkeit, aber nichts an dem was ich vorhabe ist natürlich – es ist ein nachträglicher, radikaler Eingriff in die natürliche Vorsehung. Für mich ist das eine Umstellung, und für alle anderen erst recht.

Und das aktuelle Resultat ist … Einsamkeit.

Ich bin umgeben von Menschen, die meine Lage nicht verstehen können. Sie sind mir theoretisch nah, aber praktisch so fern. Und ich vermisse Nähe. Ja, genau, NÄHE. Die starke Schulter zum Anlehnen, etwas zum Kuscheln, etwas Geborgenheit. Und ich bin da eigentlich flexibel – es kann Mann wie Frau sein (eine starke Frau dann bitte, ich bin schon das Püppchen …hehe). Doch das mit der Partnersuche ist aktuell eine Totgeburt. Ich KANN nicht. Was soll ich auch suchen? Ich habe Angst vor der Nähe, die ich eigentlich vermisse. Was bin ich? Ich möchte so, wie ich anatomisch aktuell noch beschaffen bin, nicht mehr berührt werden – zumindest nicht im intimen Sinne. Ich kann Männer attraktiv finden, möchte es definitiv versuchen als fertige Rebecca eine Beziehung mit einem zu führen – aber ich finde MICH als Mann absolut widerlich. ICH möchte kein Mann sein. Ich möchte nicht „bedient“ werden wie ein Mann. Ich möchte zärtlich begehrt oder auch mal grob rangenommen werden wie eine waschechte Frau. Ich möchte genau so begehrt und „verwendet“ werden, wie es mit der weiblichen Anatomie angedacht ist. Und das ist aktuell nicht machbar. Nein, kommt mir jetzt nicht mit analer Kompensation. Ich bin dann dennoch ein Mann und habe Sex mit einem Mann. Ich bin dann nicht im geringsten eine Frau. Zumindest will das nicht in meinen Schädel. Und deswegen knüpfe ich zwar immer mal wieder lose Kontakte auf irgendwelchen Portalen, kann dann aber doch keine Realität daraus werden lassen, weil mich bereits vorher das enttäuschende Gefühl bestätigt, dass die Umsetzung erst recht enttäuschend wäre. Ich bin zwar sexuell frustriert, aber nicht außerhalb meiner Kontrolle. Aber egal, das wird jetzt zu explizit.

Im Alltag lebe ich 50% eine Lüge, und 50% einen Traum, der noch auf sich warten lässt. Seit über einem Jahr kämpfe ich aktiv für meine Freiheit. Seit über einem Jahr streite ich mit Behörden, Krankenkassen und anderen Institutionen darum ernst genommen zu werden. Seit über einem Jahr kann ich akzeptieren dass von mir erwartet wird zu beweisen dass es mir ernst ist. Aber so langsam wird die Luft dünn. Ich spüre aktuell kaum Veränderung. Ich bin mental da wo ich sein will – aber das genügt nicht. Ich muss es ja allen unbedingt beweisen, damit ich die angemessene Anerkennung bekomme. Mir kommt da niemand entgegen. Niemand nimmt mich in den Arm und sagt: „Rebecca, du bist süß so, alles ist gut“. Es gibt, wenn besonders gut gemeint, maximal Ratschläge, Tipps, Lehrstunden……… ja, und auch die weibliche Bevölkerung ist ein Exklusivclub und lässt nicht einfach so jeden herein. Manche wurden in die Aristokratie geboren und mussten nichts tun, andere müssen sich besonders hart anstellen.

Tatsächlich kann ich allgemein bisher das Fazit ziehen, dass die deutsche Bevölkerung bisher nicht intolerant mir gegenüber ist. Absolut nicht. Aber sie ist halt ganz klar geprägt. Hässliche, maskuline (Ich…) und andersartige Frauen sind nur dann Frauen, wenn sie es großflächig kompensieren können.
Und gerade Männer fühlen sich ganz offensichtlich bedroht (weil eventuell homosexuell provoziert), wenn ihnen etwas nicht absolut feminines zu nahe kommt. Egal. Präsentierteller. Ich. Jeden Tag.

Vielen Transfrauen kann ich neidisch nachschauen. Viele sind sehr extrovertiert und leben ihre weibliche Seite in vollsten Zügen.
Ich bin eben nicht so. Ich habe zwar auch spezielle Mittelpunktsteher-Allüren, aber bin eben keine Diva, die höchst öffentlich ihre Femininität heftiger auslebt als es je eine andere Frau könnte. Ich bin nicht besonders super extra weiblich. Ich bin weder eine Drag-Queen, noch ein Transvestit. Ich bin lediglich natürlich weiblich – leider nur im Kopf. Ich bin ein Steh-Auf-Männ….äh….Weibchen, aber keine geborene Kämpferin. Ich bin süß. Das war’s.

Doch aktuell kann ich mich irgendwie nur immer wieder entscheiden – kämpfen oder untergehen. Dazwischen gibt es nichts. Und zum Kämpfen geht mir langsam die Munition aus. Denn es gibt im Gegenzug scheinbar rein gar nichts zu gewinnen. Keine Anerkennung, nicht mal passende Pronomen, immer noch falsche Anreden, keine Hormone, keine OP… als würde man eine laufende Flugzeugturbine anschreien. Nichts. Und DAS ist frustrierend.

Mir war irgendwie klar, dass ich eventuell deutlich einsamer sein würde als früher – weil ich eben exotisch und seltsam bin.
Doch tatsächlich gibt es mehr neugierige Menschen da draußen als man denkt. Nur will ich gar keine Neugier, sondern Integration. Und DAS kann ich nur selber bewerkstelligen. Fragt sich nur wie. Gibt es da einen Magic Trick? Muss ich direkt bei der nächsten Sitzung meinen Therapeuten fragen.

Egal, ich bin wie gesagt – einsam. Und es ist teilweise meine Schuld. Weil ich selber nichts mit mir anzufangen weiß in diesem Zwischenstadium. Wäre ich schon anatomisch weiblich, könnte ich beginnen mir Selbstbewusstsein aufzubauen mit meinem Erscheinungsbild. Das erste Mal in meinem Leben. Denn zum ersten Mal bin ich auch jetzt nicht mehr 100% angewidert von meinem Körper, sondern nur von einigen wenigen Aspekten. Zwei davon über dem Bauch und einer davon zwischen den Beinen. Und die Behaarung und Proportionen. Vieles davon würden eine OP und Hormone beheben können. Es gibt endlich Hoffnung. Nur liegt sie so fern und das aktuelle Zwischenprodukt ist so falsch und eklig, dass ich echt langsam die Geduld verliere. Wann endlich wird etwas geschehen? Wann kann es endlich losgehen? Wann kann ich endlich nach Abheilung der OP das erste Mal im Leben im Bikini ins Schwimmbad gehen und schwimmen gehen, ohne mich in meiner Unvollkommenheit entblößt zu fühlen?

Ja, man kann vieles schön reden. Doch manchmal ist es rohe Sexualität, die uns definiert. Ich will Brüste. Ich will eine Vagina. Ich will Hüften. Ich will im Bikini schwimmen gehen, ich will Ausschnitt zeigen, ich will Kleider und Röcke tragen, wenn ich Bock darauf habe, und ich will einfach ganz klar eine Frau sein. Fertig. Und ja, ich will Sex haben wie eine Frau. Ganz selbstverständlich. Die Nonne, die Jungfrau, das steht mir nicht.

Und nichts davon kann ich aktuell darstellen. Ich bin ein Zwischenprodukt. Einsam. Auf dem Parkstreifen – wartend, dass mich endlich jemand abholt. Denn egal wie unvollkommen und unerträglich ich auch manchmal sein kann – haben wir nicht alle ab und zu ein bisschen Liebe verdient?

Egal wie viel konstruktive Kritik man bemüht ist aufzunehmen – ab und zu braucht man einfach mal das Gefühl ganz toll zu sein. Alle kämpfen sie darum, mal in irgendwas für super toll erklärt zu werden. Warum nicht auch ich? Das ist nicht primär egoistisch, sondern nur fair.

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