Zart besaitet

Gestern war es soweit. Zum Selbsthilfegruppentreffen trug ich zum ersten mal angemessene Kleidung – also weibliche. Dass die Gruppe danach noch ins Kino wollte, es dort um das Thema Transidentität ging, und wir uns sogar als neu gegründete Selbsthilfegruppe vorstellen… davon erfuhr ich erst stückweise. Erst war es nur das Kino. Dann das „Wir stellen uns dann kurz vor“, dann das „Die Gleichberechtigungsbeauftragte der Stadt ist auch anwesend“…

Egal. Es war nicht mein Wohnort. Aber ich war irgendwie öffentlich. Ich habe zwar selbst nichts konkretes gesagt, aber ich war präsent. Ich wurde gesehen. In Frauenkleidung. Und ich glaube ja daran, dass man mir, vor allem meinem Gesicht, ansieht, dass noch Testosteron in meinen Adern fließt.
Aber das war ausnahmsweise egal. Ich war in einer öffentlichen Umgebung, die sich offenkundig wohl mit dem Thema zu beschäftigen bereit zeigt. Und das war schön. Ich fühlte mich nicht deplatziert. Ich fühlte mich wohl. Wohler als je zuvor. Noch nie fühlte ich mich öffentlich wohl. Niemals wollte ich dass man mich ansieht. Ich fühlte mich nie würdig angesehen zu werden. War es gestern das erste mal im Leben?

Der Weg alleine zum Auto danach war unheimlich. Auf der Straßenseite gegenüber liefen einige lautstark aufgeplusterte Kerle. Würden sie mich ansprechen oder gar schikanieren? Trotz Jacke sah man Rock und Strumpfhose. Dieses „bin ich sicher?“-Gefühl war mir relativ neu. Wer hätte wohl mein altes Ich angepöbelt? Ich war unscheinbar, uninteressant. Aber mein neues Ich? Ich weiß nicht wie ich damit umgehen würde. Denn es geschah nichts. Also erfahre ich das vorerst auch nicht.

Der größte Meilenstein meines Lebens geschah, als ich schon daheim war. Ich saß auf meinem Bett und fragte mich:

„Bin ich verrückt?“

Ich saß im BH und Rock auf der Bettkante und konnte es nicht über mich bringen, diese Identität abzustreifen. Alles sträubte sich. Ich wollte, es würde ewig so bleiben. Dass ich am morgen als mein zukünftiges Ich erwache. Dass alles schon geschafft wäre.

Ich wusste nie etwas anzufangen mit jenen, die sich aus Fetisch oder Identitätsbedürfnis Kleidung des anderen Geschlechts anzogen. Ich konnte es nicht nachvollziehen. Es war zumindest für mich ein unerreichbares Mysterium, und die Tatsache, dass man mich einst in Praxistests dazu „zwingen“ würde dies zu tun, bereitete mir Unbehagen. Ich hatte eigentlich den Plan, meine Weiblichkeit natürlich reifen zu lassen, wie bei einem Mädchen, das irgendwann pubertiert.

Stattdessen saß ich nun also in Frauenkleidung im Bett. Das, was ich mir nicht vorstellen konnte. Wovor ich mich lange gedrückt habe – es vor mir her schob… und es war schön.

Nein, natürlich bin ich nicht verrückt. Dafür bin ich schon zu weit. Diese Fragen stellte ich mir Anfangs zu häufig. Und es kam immer zum Fazit „Nein“. Ich bin anders, speziell, eben transgender, aber nicht verrückt. Wäre da im Mutterleib nicht innerhalb einer Sekunde etwas für mich Falsches passiert, wäre ich heute eine Frau und nichts, rein gar nichts wäre komisch.

Da dem aber nicht so ist, muss ich meinen Weg durch diese Misere finden. Wir haben nicht 1930. Die Medizin kann zwar immer noch nicht zaubern, aber immerhin beim Schummeln helfen. Ich werde niemals vollständig eine Frau sein. Aber man kann dafür sorgen dass es sich so anfühlt. Und das ist es. Es geht nicht darum andere zu überzeugen. Das ist mir inzwischen sowas von egal – mehr als ich mir bisher nur vor log. Es wird langsam wirklich egal. Ich muss es mir glauben. Und dazu bedarf es einiger Anpassung. Andere Mimik und Gestik, einige OPs, Stimmtraining. Es ist schaffbar. Ich muss weiter daran glauben. Und ich muss so wie gestern weiter meine Grenzen überschreiten, weil ich mit meiner Feigheit nur mir selber schade. Eine Identitätskorrektur funktioniert nicht nur im stillen Kämmerlein. Man muss sie leben – im Kontakt mit anderen. Selbst Spott ist konstruktive Kritik, das etwas noch nicht passt. Eigentlich möchte ich zwar keine Klischees und Erwartungshaltungen bedienen, aber ganz ehrlich? Was empfinde ich an anderen Frauen weiblich und ansprechend? Das sollte ich auch bieten können, denn wenn ich selber schon oberflächlich genug bin, dann muss ich das auch anderen zugestehen. Und Frau sein ist nicht nur Anatomie, sondern eben immer noch eine gesellschaftliche Stellung. Gleichberechtigung hin oder her. Frauen sind anders als Männer. Das ist OK so. Und wenn ich eine Frau sein will muss ich auch etwas dafür tun. Weil ich es trotz aller Schüchternheit tief im Inneren eigentlich auch will. Alles hat seinen Preis. Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Und ich bin bereit den Preis zu zahlen für das, was es mir verspricht. Es ist die Mühe wert.

Also nein, offensichtlich bin ich nicht verrückt, sondern nur fest entschlossen. Und allen, die zu mir halten, danke ich von tiefstem Herzen, denn ich erkenne, dass es nicht leicht mit mir ist. Es wirkt so egoistisch, so selbstgefällig, alles zu opfern für ein persönliches Ziel. Den Schmerz und den Leidensdruck dahinter kann man nicht logisch erklären. Und für alle, die sich abgewandt haben und auf der Strecke blieben; es tut mir aufrichtig leid. Und ich akzeptiere es und vergebe euch. Mein Problem muss nicht euer Problem werden. Lebt euer Leben und lasst euch nicht unterkriegen.

Achja, und an alle, die meinen, mir mit Argwohn und Ablehnung zu begegnen;
wartet nur ab, das Leben wird auch euch eines Tages etwas vorlegen mit dem ihr nicht gerechnet habt. Urteilt nicht vorschnell! Auch euch kann es einst passieren, dass etwas euer gesamtes leben in frage stellt.

Doch nun ist ein neuer Tag. Die vorletzte Woche meiner Umschulung. Hier hat es keinen Sinn mehr mich zu outen. Also muss ich die Maskerade aufrecht erhalten. Doch das ist schwer, jetzt wo ich Blut geleckt habe. Ebenso habe ich schon die Aussicht auf einen neuen Job und eine Heidenangst davor mich dort bald zu outen. Ich kann Glück haben dass man es gelassen aufnimmt. Aber ich kann auch Pech haben dass man es nicht versteht. Dann suche ich gleich aufs Neue einen Job, obwohl ich so froh wäre endlich einen recht passenden gefunden zu haben.

Ja, Transidentität ist ein Stück weit verrückt. Man setzt alles aufs Spiel um sich endlich frei zu fühlen. Aber wer einmal miterlebt hätte wie unerträglich sich das Leben im falschen Körper anfühlt, der könnte es vielleicht verstehen. Es muss sein. Das eigene Wohl ist wichtiger als Prestige oder Anerkennung. Wer sich selber nicht akzeptieren kann, wird wohl auch nie angemessen von anderen akzeptiert werden können. In diesem Sinne bin ich egoistisch. Sehr egoistisch. Weil es die einzige Kraft ist, die hilft, das durchzustehen, und nicht wieder einzuknicken und weiter gequält umherzustreifen. Es ist die Aussicht auf Genesung von einer chronischen Krankheit. Dafür muss ich ein Leben lang Pillen nehmen und einige Male unters Messer. Ich, die kein Blut sehen kann und eine unfassbare Angst vor Krankenhäusern hat. Es muss sein. Entschlossenheit macht stark. Ich hoffe 1-2 Menschen werden bei mir sein und mich stützen. Denn ganz alleine würde das eine verdammt schwere Zeit.

Ich sehe die Hoffnung am Ende des Weges. Ich sehe mich als Frau. Ich sehe dass ich vielleicht endlich die Suche abschließen kann und auch für andere erreichbar werde. Dass mein Egoismus Ruhe gibt und ich dafür bereit bin, als mein eindeutiges, wahres Ich, auch mal für andere da zu sein. Denn ich hasse meinen Egoismus. Aber ihn jetzt zum Schweigen zu bringen wäre katastrophal, ist er doch mein einziger Krieger in der anstehenden gigantischen Schlacht.

Heute werde ich das erste Mal auf einen Psychotherapeuten treffen, der auf meinen Fall spezialisiert ist. Heute wird es, zumindest für mich, amtlich. Eine Mischung aus Freude und Angst schwingt in mir. Angst, dass er mir nicht angemessen glaubt, und Freude, dass endlich etwas passiert. Es wird nicht heute passieren, aber bald habe ich vielleicht meine erste schriftliche Indikation, mit der es überhaupt möglich ist, erste offizielle Schritte einzuleiten. Klar hätte ich gerne, dass alles schon gestern passiert, aber zumindest möchte ich bald mit der Hormontherapie anfangen. Zumindest mal langsam einen Einblick bekommen in meine bevorstehende Gefühlswelt.

Aber Schluss mit den Details. Ich bin sehr aufgeregt. So langsam tut sich was. Das sinnlose Warten hat ein Ende. Wobei auch diese Zeit der Selbsthinterfragung sicherlich nicht umsonst war. Ob ich mir vor einem halben Jahr schon so absolut sicher gewesen wäre? Aktuell kann mich jeder massive Zweifel nur kurz beunruhigen, denn sobald ich darüber nachdenke, zerstreut sich die Sorge wieder.
Ja, ich gehe ein Risiko ein, wenn ich mich medikamentös und in OPs behandeln lasse. Ich bin kerngesund. Physikalisch gesehen. Und bei Komplikationen kann sich das ändern. Ich opfere vielleicht meine Gesundheit, und vielleicht auch meine Sexualität. Zumindest in Teilen. Doch da ich in meinem aktuellen Zustand eh keine Freude mehr daran habe – was soll’s? Es kann eigentlich nur besser werden. Selbst schlechter, aber anders, wäre besser. Hauptsache ich kann in wenigen Jahren als Frau umherlaufen, weil auch genau das in meinem Pass steht. Diese äußere Anerkennung bestätigt meine innere Anerkennung. Weil ich will dass man das akzeptiert. Die Heimlichkeit und die Falschheit meins Ausweises nerven mich. Ja, so extrovertiert bin ich dann doch. Ich möchte anerkannt werden. Ich möchte belegen können, dass ich nicht nur tagträume, sondern dass das absolut real ist.

Ich bin Rebecca.
Klingt egoistisch, ist aber so.
Mit weniger kann ich nicht mehr zufrieden sein.

Und an meine wenigen Freunde noch einmal:

Danke, dass ihr so geduldig seid. Danke, dass ihr mir beisteht. Danke, dass es euch gibt. Ich mag egoistisch und treulos erscheinen, aber so etwas vergesse ich nicht so einfach. Es wird ein Leben ab Rebecca geben, in welchem ich euch angemessen spüren lassen kann dass ihr mir wichtig seid. Ich werde für euch da sein. So wie ihr für mich da wart. Ich liebe euch.

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