Klinik-Tagebuch – Tag 2

Klinik-Tagebuch – Tag 2

Hallo zusammen,

beinahe hätte ich vergessen das hier mal zu machen. Ich wollte festhalten, was ich im Rahmen meiner OP erlebt habe.

Zunächst mal – was für eine OP? Vor geraumer Zeit habe ich die Freigabe der Krankenkasse zu einer geschlechtsangleichendenen Operation erhalten. Hier wird operativ aus meinem männlichen Gemächt ein weibliches Organ, genannt Neovagina, geformt. Dies ist mit heutigen Methoden ein relativ risikoarmer, aber anstrengender Eingriff.

Ich entschied mich für die Klinik München-Bogenhausen. Hier war zum einen das Personal am freundlichsten eingestellt, zum anderen setzt man zwar auch hier schon auf moderne Kombinationsmethoden, aber experimentiert nicht am lebenden Objekt. Grundsätzlich also am Zahn der Zeit, aber solide.

Am 24.05.2017 kam ich nun also um kurz vor 11 Uhr zur ambulanten Vorbesprechung. Im Prinzip klapperte ich im Nebengebäude in der Richard-Strauss-Str. 101 einige Ärzte und Pfleger ab, um Blut zu geben, Einverständnisse zu unterzeichnen, und die Anästhesie schon mal zu besprechen.

Danach durfte ich mit offizieller Einweisung das eigentliche Klinikum aufsuchen, um die Ecke in der Denninger Str. 44. Hier kannte ich mich ja schon ein wenig aus, meine Verlobte war ja vor 6 Wochen auch erst hier. Nach der Zimmerzuweisung durfte ich erst mal auspacken. Ebenso wurde mir zügig eine Flasche Abführmittel angerührt, die erste von mindestens zweien…

Etwas desorientiert packte ich erst mal aus und begann, das Abführmittel heruner zu würgen. Abgesehen vom salzigen Geschmack irgendwie ein Anteil Hefekultur o.ä.

Zwischendurch gab es noch ein Vorgespräch zur eigentlichen OP, bei der herauskam, dass ich eventuell „zu knapp bestückt“ bin, um eine 10-13cm-Vagina zu erreichen. Es lag nun also in meiner Wahl, eventuell weniger Tiefe später zu haben, oder etwas Haut aus dem Beckenbeinbereich zu opfern. Da ich nicht wusste, was mich alles noch erwarten könnte im Leben, entschied ich mich zu letzterem.

Mit dem Abführmittel quälte ich mich übrigens die ganze Nacht. Flasche eins war noch schnell runter. Doch bei Flasche zwei entwickelte ich einen ausgeprägten Würgereflex. Ich bekam den Mist einfach nicht runter. Nach vielen Diskussionen vor allem mit einer sehr überengangierten Nachtstationsärztin, begann man dann auch mal mir zu glauben, dass ich ja eigentlich will, aber es technisch nicht klappt. Plötzlich gab es doch eine andere Möglichkeit. Etwas ekligeres, das man jedoch in einem Schluck runter würgen konnte. Bis in die frühen Morgenstunden lief nur noch Wasser aus meinem Allerwertesten. Entleerung also zumindest endlich erfolgreich.

Morgens sollte es direkt um 8 Uhr losgehen. Ich war um 5 Uhr schon selber auf den Beinen. Wecken musste man mich nicht. Ich duschte noch mal und rasierte mich unten rum sorgfältig. Dann nutzte ich die letzten 30 Minuten, um mich von meiner Verlobten zu „verabschieden“. Mein Kreislauf war völlig aufgelöst. Ich war müde und schlapp, mir war leicht übel. Gänzlich „nüchtern“ eben.

Um kurz vor 8 Uhr kam dann eine Schwester. „Es geht los. Möchten Sie noch kurz auf Toilette? Alles fertig? Schmuck aus?“ Und dann war ich auch schon im Bettchen und wurde runter gefahren. Das lief alles recht routiniert. Einmal noch selbstständig das Bett wechseln, ausziehen und zugedeckt werden, dann wurde ich vorbereitet mit einem Venenzugang an der linken Hand. Hier gab man  mir auf Nachfrage schon irgendwas, da ich angegeben hatte, bei Aufregung unter Sodbrennen zu leiden. Schließlich wurde ich in den OP gerollt. Hier fixierte man zunächst meine Arme an Auslegern, ich durfte mitbestimmen, ob das so weit angenehm genug war. Gleichzeitig gab man mir „Sauerstoff“ (glaubt immer noch keiner) und eine erste Spritze. Auf dem Kommentar, ich möge noch einige Male durchatmen, gleich wäre es auch schon geschehen, entfleuchte mir ein „Dann bis später…“, und dann gingen die Lichtlein wohl aus.

Meine nächste Erinnerung ist in einem Aufwachraum. Man fragt mich nach meinem Befinden. Meine Gedanken natürlich dummerweise wie immer irgendwie mitten bei der Arbeitsstelle, muss ich mich erst mal orientieren wo ich eigentlich bin. Als dies dann gelang, stand ich auch Rede und Antwort. Ich wurde dann zurück ins Zimmer gebracht, wo ich auch zügig von meiner Verlobten empfangen wurde.

Alles tat weh, aber es war vollbracht. Schließlich kamen noch meine Eltern hinzu. Ich war müde, kämpfte gegen Sekundenschlaf und wollte mich auf keinen Fall bewegen. Aber es war erledigt. Geschafft. Ich freute mich über den Besuch, aber war bald am Ende meiner Kräfte.
Nachts schlief ich immer nur in 20-30min-Abschnitten und zählte die ewige Zeit bis zum Morgen.

Es gab KEINE nächtlichen Blutungen, obwohl diese sogar normal wären. Alles trocken. Auch den Tag über. So konnte ich in gequälter Schräglage frühstücken, war soweit für andere ansprechbar und bat regelmäßig um Schmerzmittel. Doch auch die konnten bis jetzt nicht lösen, dass ich den Katheter auf jedem Millimenter spüre. Leicht brennend und jede Bewegung darin. Unabänderbar.

Um kurz zusammen zu fassen, Tag 1 und 2 verliefen komplikationsfrei, inzwischen kann ich aufstehen und eine kurze Strecke zurück legen, und obwohl alles noch wund ist, habe ich ein gutes Gefühl.
Es ist zwar noch alles abgebunden, aber neben Druckschmerz kann ich schon sowas wie einen Schamhügel und Schamlippen ertasten. Was einst dort war ist definitiv Geschichte…

Die Aktion hier ist anstrengend, und der erste Tag wirklich alles andere als schön, aber ab dann erlebt man eine Genesung, die einfach zu dem Ziel führt, das man sich immer erträumt hat. Die eine Woche mit erheblichen Unannehmlichkeiten lohnt sich garantiert für das höhere Ziel. Und wie gesagt, es geht schon am zweiten Tag wieder aufwärts.

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