Sackgassen…

Kennt ihr das, wenn man gewisse Wege im Leben so weit getrieben hat, dass man an einen Punkt kommt, nur noch schlechte Entscheidungen anknüpfen zu können?

Wo wirklich jede Entscheidung, die folgt, eine schlechte Entscheidung ist, die irgendwen verletzen wird?

Nein, es geht mal nicht um meine Transition. Oder doch? Diese hat mich zu einem gewissen Grad über Leichen gehen lassen und viele Entscheidungen ausgelöst, auf die nicht allzu stolz bin. Das sprichwörtliche „über Leichen gehen“. Ich war damals an dem Punkt, mir entweder etwas anzutun, oder einen neuen Weg einzuschlagen. Hm, sicher hätten die meisten das mit dem „antun“ ebenso nicht bejubelt, aber mit dem neuen Weg waren viele auch nicht allzu glücklich. einige habe ich unwiderbringlich verloren, aktuell vielleicht sogar meine Tochter, die das nicht versteht und ablehnt. Und mich nicht mehr sehen will. Daher werde ich sie auch auf keinen Fall dazu zwingen. Das würde ich nie wagen.

Freundschaften haben gelitten. Einige habe ich endgültig verloren. Andere stehen durchaus kurz davor. Denn sie haben mir geholfen und jetzt brauche ich diese Hilfe nicht mehr. Stattdessen brauche in nun Raum mich neu zu entfalten. Sonst wäre die ganze Mühe umsonst gewesen. Und schon wieder schade ich anderen. Weil ich undankbar daher komme.

Ab hier ist es quasi schon viel zu spät, die gewissen „Entscheidungen“, die ich mich wirklich GEZWUNGEN sah zu treffen, zu korrigieren. Und alles, was darauf folgt, sind Konsequenzen. Sackgassen, in denen es nicht weiter geht.

Ich habe meine geliebte Kimberly getroffen. Wir sind inzwischen verlobt. Sie füllt Teile meines Lebens aus, und ersetzt damit andere. Das ist schmerzhaft. Aber eine Beziehung braucht Raum. Wie kann ich hier entscheiden? Beziehung opfern? Das kann ich nicht. Liebe kann man nicht wegwerfen. Obwohl ich das indirekt schon mal geschafft habe. Aber kein zweites Mal. Nicht hier. Das geht einfach nicht.

Was dann? Freunde verlieren? Um Freunde kämpfen, die mir jeden Tag vorhalten, was für eine Last ich bin und wie sehr es sie verletzt jetzt anders eingeordnet zu sein?

Das klingt nach Schwarz-Weiß-Denken, aber das Leben präsentiert mir auch nichts anderes mehr. Du hast entschieden, hier ist dein Zonk. Willst du A oder B opfern? Du KANNST nicht beides haben.

Ich weiß nicht warum es so ist, dass Menschen, die MIR Schwarz-Weiß-Denken vorwerfen, solch polarisierende Entscheidungen einfordern. Denn mit einem „hier ein bisschen, da ein bisschen“ sind sie nicht zufrieden. Alles oder nichts. Wie früher. Weniger ist nie genug.

Und aktuell ist NICHTS genug. Was aus MIR dabei wird ist noch nicht einmal inbegriffen. Ich quäle mich durch den Dschungel und gehe unter. War das mein Ziel? Allen gegenüber schuldig zu sein, weil ich EIN MAL eine notwendige Entscheidung für mein Leben getroffen habe?

Ich glaube, fast niemandem da draußen ist bewusst, dass das, was wir Transmenschen hier entscheiden, eher die Wahl zwischen dem Tod und dem Ausweg ist. Physisch oder nur psychisch. Innerlich sterben ist auch nicht viel besser als sich verzweifelt vor einen Zug zu werfen.

Daher ist diese „Entscheidung“, die man trifft, keine „was ziehe ich heute an?“, sondern eine „gibt es einen Ausweg?“.

Ich will das nicht länger verschleiern, denn ihr „Normalmenschen“ da draußen habt selbstverständlich auch alle Probleme, die nicht weniger wichtig und wertig sind. Aber erkennt gefälligst an, dass die „Entscheidung“, die man als Transmensch irgendwann trifft, nur formell eine „Entscheidung“ war, aber eher eine aus der Not geborene Rettungshandlung ist. Um wieder ein Leben führen zu können. Um so etwas wie Hoffnung wieder zu spüren. Um einen Ausweg aus dem Kummer zu sehen. Die Alternative wäre gewesen, im Kummer zu versinken, abzustumpfen, und als depressives Bündel allen zur Last zu fallen. Oder gar einen Zugführer ein Trauma zu verpassen. Oder anderen. Durch verzweifelte, dumme Handlungen.

Aber egal, genug „gehatet“, eigentlich geht es darum, dass man die Konsequenzen dieser und aller folgenden Entscheidungen bitter zu spüren bekommt. Man tut etwas, was keiner gängigen Norm entspricht. Man geht vielleicht sogar sprichwörtlich über Leichen. Denn was nützt eine theoretische Entscheidung, wenn man sie nicht umsetzt? Die nächsten JAHRE, denn nicht weniger wird man hingehalten durch Bürokratie und Unverständnis.

Und am Ende hat man einen Berg an Schuldgefühlen, was man nebenher alles angerichtet hat. Wenn man verraten, verlassen und enttäuscht hat.

Ja, ich habe eine Familie zerstört. Ja, ich habe eine Tochter hinterlassen, die das nicht versteht und glaubt keinen Vater mehr zu besitzen. Ja, ich habe Freunde vernachlässigt und im Stich gelassen.

Das ist eine schier endlose Liste von Konsequenzen, die dem „ich befreie mich“ folgt. Denn andere leben ihre Sorgen weiter. Nur ich „nehme mir das Recht heraus“, auf alle Konventionen zu pfeifen. Das ist das, was als Nachruf bleibt. Egoistin.

Seht ihr das auch so? Oder darf man ein mal im Leben sein eigenes retten? Und dabei dem Umfeld Schaden zufügen?

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