Was ist wirklich wichtig?

Nachdem mein ganzes Leben ein mal über die Klippe stürzte und ich gewissermaßen ganz von vorne anfangen musste, war mir nur eines wichtig -> meine Transition, also mein Weg in ein neues, weibliches Leben.

Ich war niemals davon ausgegangen, dass ich nach einer bitteren Scheidung und all meinen zukünftigen „Besonderheiten“ mal eben zwischendurch einen neuen Partner oder eine neue Partnerin finden würde. Ich hatte mich darauf eingestellt allein zu sein. Und da war nichts wichtiger als meine Transition. Alle, denen ich noch immer etwas bedeutete, litten darunter, weil ich wie eine Karrierefrau einfach alles nach unten priorisierte, was nicht meinem primären Ziel diente. Und so kam ich auch gefühlt langsam, aber tatsächlich zügig voran.

In 44 Tagen ist meine geschlechtsangleichende Operation – dort bekomme ich meine Neovagina. Dann fehlt nur noch der Kampf um eine Nadelepilation im Gesicht- und Halsbereich, dann wäre alles geschafft. Die letzte Etappe läuft.

Ich könnte stolz sein. Doch tatsächlich wird mir immer mehr bewusst was ich zurück gelassen habe.
Einen guten Freund, dessen Vertrauen ich erst einmal zurück gewinnen muss.

Und ich lernte Kim kennen. Es begann leidenschaftlich, es lief leidenschaftlich weiter, und auch jetzt empfinde ich unfassbare Liebe und Güte ihr gegenüber. Wir sind jetzt gerade mal ein gutes halbes Jahr zusammen, und ich empfinde noch genau das selbe wie am ersten Tag. Klar, der Alltag kam dazu, doch die Schmetterlinge schwirren immer weiter.

Genau jetzt liegt Kim im Keller der Klinik unter dem Messer, um ihren Herzenswunsch erfüllt zu bekommen. Und ich sitze im ersten Stock in der Cafeteria und schreibe diese Zeilen.

Ich habe Angst. Angst um Kim. Niemals zuvor war mir die Gefahr einer anderen Person so nahe gegangen. Niemals.
Dabei ist es extrem unwahrscheinlich dass ich sie NICHT in wenigen Stunden lebendig und gesund wieder sehen werde.

Was ist wirklich wichtig? Ich vergleiche gerade meine Ziele mit der Beziehung zu Kim.

Meine in 44 Tagen angedachte OP ist wichtig.
Meine Nadelepilation ist wichtig.
Meine eigene Zukunft ist wichtig.

Aber nichts davon wiegt so schwer und könnte alles andere aufschieben und vertagen wie das JETZT.

Ist das Liebe? Echte Liebe? Wenn man zwar die eigenen Ziele nicht aus den Augen verliert, aber jemand anderes einen so wichtigen Stellenwert einnimmt? Wenn man zwar ein eigenes Leben führen KANN, aber nicht mehr WILL?
Weil das Gemeinsam so wertvoll geworden ist?

Sie hatte angedeutet, dass sie irgendwann um meine Hand anhalten wird.
Ich wünschte, sie hätte es bereits getan.

Was gibt es da noch zu sagen?

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