Nachtschicht

Tja, es ist 02:47 Uhr nachts und ich sollte eigentlich gerade schlafen.

Doch was mache ich? Richtig. Wach sein. Es ist traumhaft. Innere Wut und Enttäuschung treibt mich an. Soeben habe ich einen Dreiseiter formuliert – meinen Widerspruch gegen die abgelehnte Kostenübernahme der geschlechtsangleichenden OP.

Man wirft dort mit „mindestens 18 Monate dies …. das … “ um sich. Okay, 36 Lebensjahre, davon 30 aktiv im falsch empfunden Geschlecht, sind also keiner 18-Monats-Frist würdig? Die endgültig ausführlich und beherzt durchgeführte Abwägung und Entscheidung im gesamten Jahr 2015 ist zu wenig? Ein erwachsener Mensch kann also nicht nach einem Jahr persönlicher Abwägung und 6 Monaten therapeutischer Unterstützung ENDGÜLTIG zu einer Entscheidung kommen? Niemand? Niemals? Und dass ich aufgrund der deutschlandweiten Mangelversorgung an Fachärzten verschuldeten Wartezeitorgie eigentlich schon seit 16 Monaten statt 11 in Therapie und vor allem seit 4 Monaten statt seit einem mit Hormonen versorgt sein könnte? Sozial gerecht?

Man kommt sich vor wie ein erwachsener Mensch, dem man nicht abkauft, dass er schon volljährig ist. Nein, ich gebe Ihnen kein Bier aus, Sie sind nie im Leben schon 36! Danke. Respektvoller Umgang mit seinen Mitmenschen.

Jaja, die paar Monate stehst du auch noch durch sagen sie alle. Ihr habt ja leicht reden. Sicher bin ich auch 35 Jahre irgendwie ausgekommen. Und ich war immer irgendwie sterbensunglücklich. Und seit ich weiß WIESO ist es umso schmerzhafter, dass die Lösung direkt vor mir steht, ich darf sie nur noch nicht ergreifen. Jemanden von etwas abhängig zu machen und es dann bewusst vorzuenthalten gilt doch allgemein als Folter, oder?

Ja, ich erleide Folter seit nunmehr 1,5 Jahren. Das kann man von außen nicht nachvollziehen. Aber es ist so. Jeder weitere Tag, an dem die Heilung verwehrt wird, ist ein rabenschwarzer Tag. Ich bin kaum noch imstande soziale Kontakte zu pflegen. Einen neuen Lebenspartner suchen erscheint mir völlig unmöglich. Und sexueller Kontakt zu einem anderen Menschen …. vergiss es. Ich verachte meine Intimzone und möchte auf keinen Fall damit interagieren. Ich bin also geschiedener Single, tierisch einsam, sexuell frustriert und vollkommen blockiert, emotional unnahbar, und alles was ich habe ist mein eines Projekt – endlich raus aus dieser Hölle. Ich habe mich hinein begeben um die versprochene Heilung zu bekommen. Und nun lässt man mich zappeln. Meine Kollegen und Mitmenschen versuchen ja mich zu akzeptieren, doch manche sagen es oder zeigen es durch ihre Handlungen – sie sehen mich nicht wirklich als Frau. Und es trifft mich nur aus einem Grund – sie haben recht! Ich bin FAST eine Frau. Dieses Ding dazwischen, mit dem keiner etwas anzufangen weiß. Dieser Zirkus-Freak, den man begaffen kann. Aber niemand nimmt mich ernst. Keiner kann mich verstehen und entsprechend mit mir umgehen. Entweder ich werde mit Mitleid überschüttet, oder eben bejubelt oder geächtet – alles, außer normal. Normal wird zum Fremdwort. Ich „erprobe“ das Frausein nun schon eine gefühlte Ewigkeit. Aber es ist unecht. Die Hormone zeigen noch kaum eine Wirkung nach ja auch gerade erst mal drei Wochen, mein Lendenbereich ist ein geächtetes Ground Zero. Ich leide seit einer Weile erst so richtig, weil ich so genau weiß was mir fehlt. Und es liegt praktisch vor meiner Nase, und ich bekomme es nicht. Diese Folter macht erst den eigentlichen Leidensdruck aus. Somit unterstützen Staat und Krankenkasse eine stetige Verschlimmerung meines Zustandes. Unterlassene Hilfeleistung? Soziale Ungerechtigkeit? Ach sagen wir es so, es gibt auf dem Papier viele unterstützende Gesetze für Transsexuelle (buäh, das überholte, politisch inkorrekte Wort benutzen benannte Instanzen noch immer), aber in der Praxis sind sie auf gut Straßendeutsch „für’n Arsch“! Du wirst vor gar nichts geschützt. Das Verhalten der Mitmenschen ist subtil und somit nicht greifbar gesetzeswidrig. Das Recht auf freie Meinungsäußerung wird munter genutzt. Und natürlich werde ich im Berufs- und Alltagsleben nicht aufgrund meiner Transidentität benachteiligt. Dafür kann man ja immer „andere Gründe“ verwenden.

Viel Mimimi, vielleicht liegt es daran, dass ich hundemüde bin, aber nicht schlafen kann. Dass ich nicht unbedingt eine depressive Episode habe, aber zumindest eine emotionale Ausfallquote. Sorry, nach so viel Stress über mehr als ein Jahr darf man auch mal einknicken und heulen. Denn ich habe immer versucht nach den Regeln zu spielen und zu funktionieren. Ich habe immer mein bestes gegeben. Aber bei einer Transe wie mir ist ja das beste noch nicht gut genug. Unter 130% ist man ja eher enttäuschend. Ich müsste ja eigentlich trotz Männerkörper die BESSERE Frau sein um gewürdigt zu werden. Die Maßstäbe, die angesetzt werden, sind ja echt manchmal astronomisch. Ich verzweifle ja schon am Alltag und an der Bürokratie. Was machen denn Menschen, die viel mehr auf den Mund gefallen sind als ich? Ist das diese statistisch einkalkulierte Summe, die sich das Leben nimmt und somit den Ämtern und Krankenkassen viel Geld spart?? Erhofft man sich dass ich nur aus Verzweiflung wieder in mein altes Leben zurückkehre? Dass ich diese Entscheidung nicht mit genügend Überzeugung getroffen habe? Pffft. Und wenn ich vor den europäischen Gerichtshof trete und/oder die United Nations dazu bringe Deutschland wieder zu besetzen, ich BEKOMME MEIN MENSCHENRECHT! Ihr brecht mich nicht.

Wie auch immer. Rebecca ist müde und enttäuscht. Auch wenn manches positiv angelaufen ist, so ist der Berg noch immer vor mir. Das Endziel ist nicht erreicht. Weiter kämpfen mit Wunden und fehlendem Proviant – weil ich einfach keine andere Wahl habe als zu kämpfen. So wie es schon meine uramerikanischen Vorfahren väterlicherseits viele Generationen taten – kämpfen, auch bis zum Tod.

Das Recht ist auf meiner Seite. Nur nicht die, die das Recht vertreten. Die haben einfach keinen Bock und nehmen mich nicht ernst.

Kotzen im Strahl. Feminin. Mit Krönchen. Das kann ich. Hocheloquent wenn nötig.

 

Das war der Hatepost zum Mittwoch, geschrieben im schlaflosen Delirium.

Eure Rebecca

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