Ganz nach dran…

In der Mitte der Entwicklung holt mich ein wenig der Alltag ein. Die Tage vergehen standardisiert, ich komme müde nach Hause und möchte eigentlich nur noch ins Bett. Doch hätte ich eigentlich noch so viel zu tun. Aber es lähmt mich. Tatsächlich beschleichen mich manchmal Zweifel. Zwar können sie mich nicht im geringsten aufhalten. Aber so langsam sammle ich meine Argumente zusammen für die großen Schritte. Ich werde am Donnerstag in einer Anhörung noch mal „geprüft“, dann ist es nur noch einige Wochen Papierkram, dass ich juristisch als weiblich deklariert bin. Und in einem halben Jahr bekomme ich vielleicht schon meine OP durch. Das heißt so langsam nimmt die Sache Gestalt an. Die letzte Chance also, noch die Bremse zu ziehen. Das Herz sagt, es gibt keine Zweifel. Die Vernunft sagt, prüfe es trotzdem ein letztes Mal, bevor es zu spät ist. Tja. Dummerweise habe ich mir 1,5 Jahre lang allerlei Argumente erarbeitet es zu wollen. Dennoch spielt mein Kopf noch mal die ganze Gechichte durch. Was ich im Leben alles als Mann erlebt habe und warum es sich auch beim Erinnern nicht schlecht anfühlt, wie ich zukünftig alle möglichen Beteiligten mit en Fakten der Personenstandsänderung konfrontieren muss (Ämter, Bank, Vermieter, Versicherungen, Schule meiner Tochter!, …). Dann kommt das eigentliche Thema auf. Die OP. Die Essenz meines Ziels. Wenn aus Männlein wirklich Weibleib wird. Ich sehne mich so sehr nach femininen Weichteilen. Doch ich male mir auch die Situation aus. Ich werde aus der Narkose erwachen und „er“ ist weg. Ok, anfänglich werde ich ziemlich zugedröhnt sein. Doch sobald ich bei Verstand bin werde ich aufstehen müssen, man wird mich begaffen zur Kontrolle, sie werden da drin herum rühren noch bevor ich mich überhaupt selber arrangiert habe. Und ich soll nach wenigen Tagen anfangen zu bougieren. Das soll heißen, ich soll mit medizinischen Dildos Dehnübungen machen, damit sich das alles schön weitet und richtig anwächst… Alles sehr technisch. Ja, meine ersten 10 Tage sind ein Dauerbesuch beim Gynäkolgen. Yeah.

Aber das ist ja dann nicht alles. Sobald nicht mehr alles weh tut werde ich heim geschickt. Und da werde ich dann das Ausmaß erkennen. „Er“ ist weg. Pipi machen neu lernen, andere Routinen bei der Morgenhygiene, es wird einfach fast ALLES irgendwie anders sein.

Und was, wenn ich ihn auch nur sekundenweise vermisse anfänglich? Wird es nur amüsant sein? Werde ich Panik bekommen? Wenn es um innere Organe geht bin ich sehr geneigt hysterisch zu werden. Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht wissen. Aber so gewisse Restzweifel lässt es aufkommen, dass ich den Umstieg genießen werde und nicht panisch zurück blicke aus purem Reflex. Das ist ein gigantischer Schritt.

Klar träumt ein Teil davon sich erst mal einzuschließen für einige Tage und sich völlig neu zu entdecken. Doch da das ganze einen sehr klinischen Anfang nimmt und alle Schwestern und Stationsärzte da schon mal dran waren, weiß ich nicht wie ich die ersten Wochen anfühlen werden. Ich weiß gar nichts. Ich habe nur Hirngespinste uns Theorien. Mein Kopf ist mit diesem großen Schritt einfach überfordert. Ich sehne mich und fürchte mich zugleich. Aber so ist es bei jeder einschneidenden Entscheidung im Leben, oder? 

Haltlose Zweifel aus Prinzip, zunehmende Nervosität, und eine große Portion Ehrgeiz, dies alles als großen Schritt in in neues Leben zu sehen. Es gibt kein Zurück mehr. Längst nicht mehr. Ich kann nicht mehr zurück. Es geht nur noch nach vorne.

Und um noch ein mal Disney’s „Küss den Frosch“ zu zitieren:

ICH BIN GANZ NAAAAAH DRAN!

Bald bin ich Rebecca. Äußerlich. Anatomisch. Juristisch. Im Kopf längst fertig. Es fehlen nur noch die Accessoires und Special Effects.

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