Der Berg ruft…

Viel zu lang ist es her, dass ich hier etwas geschrieben habe. Und es ist einiges passiert.

Zunächst die Sachinformationen…

Ich habe Stufe 2 von 6 erreicht.

1) Therapeutische Begleitung (läuft)

2) weibliche Hormone (LÄUFT!)

3) juristische Anerkennung (schwebt)

4) Stimmtherapie (steht an!)

5) Haarentfernung Gesicht / Hals (neverending story)

6) Angleichende OP, Vagina (bisher noch abgelehnt)

Ja, es steht nicht mehr alles auf Wartestellung. Ich habe eine Endokrinologin gefunden, die meinen bisherigen Werdegang anerkennt und mit mir loslegt. Seit nunmehr 9 Tagen erhalte ich Spironolacton (blockt Testosteron) und Estradiol (Östrogen von schwangeren Kühen). Somit muss sich mein Körper auf einen weiblichen Stoffwechsel umstellen. Dies ist in einer geschlechtlichen Transition soweit der wichtigste Schritt neben der OP, die ja nicht mal jede(r) wünscht. Der Körper wird gezwungen wie eine Frau zu agieren. Gewünschte Reaktionen sind zumindest eine geänderte Fett- und Muskelverteilung (Venus-Figur!), Haarreduktion und wachsende Brüste. Der Erfolg ist individuell unterschiedlich. Ich bete für VIEL Erfolg. Ich merke schon wie Fett bevorzugt auf den Hüften landet. Weiterhin wird meine Haut empfindlicher und feiner (doof beim morgendlichen Rasieren des Gesichtes. Autsch.). Und ich bin an der Brut sehr tastsensibel . achja, und ich fühle mich sentimentaler und weniger aggressiv.

Bezüglich Dermatologe wegen Haarreduktion Gesicht steht ich das Gesundheitswesen selbst im Weg. Die Kasse darf laut Katalog nur Elektroagulation beim Vertragsarzt zahlen. Doch kein Dermatologe führt mehr diese aufwändige „Nadelepilation“ durch. Alle sind auf Laser- oder IPL-Verfahren gewechselt – wohlgemerkt vor ÜBER 10 JAHREN. Ich kann jetzt also betteln ob ie Krankenkasse stattdessen was freiwillig zu o.a. Verfahren dazu gibt. Es scheint kein Schlupfloch zu geben sie zu zwingen . Denen egal dass es die benannte Leistung nicht gibt. Seufz.

Stimmtherapie ist auf Überweisung eine Kassenleistung. Ein Termin bei einer freundlichen Logopädin steht an. Ich freue mich drauf. Dort lerne ich meine Stimme weiblich erscheinen zu lassen.

Die OP wurde im ersten Anlauf vom MDK abgelehnt. Zu wenig Zeit („in der Regel 18 Monate“) seit Therapiebeginn, keine 6 Monate Hormontherapie, kein zusätzliches psychiatrisches Gutachten. Über das Gutachten werde ich noch streiten, da es in den Vorgaben heißt „…psychologisches/psychiatrisches Gutachten…“. Mir wäre neu dass ein Schrägstrich ein „und“ impliziert. Aber auf den Quatsch mit den 6 bzw. 18 Monaten können sie leider bestehen. Wohlgemerkt KÖNNEN, sie müssten nicht. „In der Regel…“ Ist ein Vorschlag, keine Verpflichtung. Aber egal. Der MDK ist ein sturer Haufen und sieht nur Zahlen, keine Menschen. Ich besorge mir jetzt noch bald ei psychiatrisches Gutachten, und nächsten Sommer kann er nichts mehr einwenden. Dann ist ALLES erfüllt. 

Währenddessen klappere ich schon mal zwei Kliniken ab zur Vorbesprechung und für Kistenvoranschläge. Wenn ich Glück habe kann ich schon einen Termin festlegen und dann läuft die Sache. Punkt. 

Ansonsten… Wie sieht es privat aus? Nun ja, ich habe aktuell Urlaub, hänge etwas durch wegen der hormonellen Umstellung, und habe brav 1001 Termine abtelefoniert. Nur deswegen ist ja jetzt auch was passiert. Meine Bude aufräumen und neu ordnen ist im Stress bisher liegen geblieben. Und ich habe neue Hoffnung geschöpft, die mir hilft, ein weiteres Jahr Kampf durchzustehen. Ich habe Freunde, die mir beistehen, von denen ich s nie vermutet hätte, und andere, die sich still und heimlich raus halten. Die Welt steckt voller Überraschungen. Ich habe schon alles erlebt, vom Anpöbeln über Ignoranz bis zu offener, herzlicher Akzeptanz. Die Welt ist bunt, und wenn man sie wie ich offen mit einem polarisierenden Thema konfrontiert, weiß man recht schnell wie die Menschen ticken. Sie werden zu offenen Büchern. Lesen lernt man dann recht schnell. 

Bei meinem Hausarzt ruft mich das System immer noch mit männlichem Namen über den Bildschirm auf, aber eine Arzthelferin kämpft rührend darum, dass ich mündlich aufgerufen werde, „weil das Ihr gutes Recht ist…“.

Beim Dermatologen wurde ich direkt als Frau aufgerufen. Auch die Krankenkasse hat inzwischen wohl etwas in er Akte Rehen und man spricht mich grundsätzlich als Frau an.

Auch meine Firma ist um Anerkennung bemüht und gestattet meine noch schwebende Identität im System. Einige Mitarbeiter haben es sofort anerkannt, andere bemühen sich zumindest es zu akzeptieren. Aber so richtig weiß man mich noch nicht einzuordnen. An mancher Stelle ist man sehr übervorsichtig, an anderer fast schon unfair. Es ist halt hart jemanden nicht schlechter, aber auch nicht besser zu behandeln, wenn doch ie Situation neu ist. Gehversuche und Stolpern müssen da einfach auch mal toleriert werden.

Ansonsten ist alles beim alten. Ich habe keine Ahnung wo ich noch die Kraft immer her hole weiter zu kämpfen bei so vielen Steinen im Weg, dieses Zwischending, weder fertige Frau noch Mann zu sein, ist furchtbar unbefriedigend und auch bloßstellend, und alles im Alltag ist irgendwie komplizierter. Ich hasse es meinen Ausweis vorzuzeigen oder rechtlich verbindlich zu unterschreiben, weil ich mich hier immer noch offenbaren muss. Etwas, das längst Geschichte sein sollte. Aber meine Vergangenheit läuft lir immer noch nach. Ich bin aufgeregt. Ab dem 3.11. werde ich wohl endgültig geschieden sein, und am 10.11. findet eine Anhörung zu meiner Personenstandsänderung statt. Endlich, nach nunmehr ELF Monaten, bin ich ganz kurz vor dem Ziel juristisch anerkannt zu werden und mich offiziell Frau nennen zu dürfen in rechtsverbindlichen Themen.

Also, manches läuft, manches steht unmittelbar an, und manchem werde ich noch verzweifelt nachlaufen müssen. Besser als NICHTS. Da stand ich noch vor wenigen Wochen. 

HOFFNUNG. Mein ständiger Begleiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.