Auf dem Boden bleiben … und einrollen

Rebecca, bleib auf dem Boden der Tatsachen!

Das könnte mein Dauermotto werden. Und mit dem Zusatz: „Roll dich ein in Fötushaltung und immer schön am Daumen lutschen!“

Warum so pessimistisch? Nun ja, Träume sind bei mir sehr gefährlich. Denn sie beflügeln mich. Machen mir Hoffnung. Und Hoffnun macht mich schnell blind…

In meinem Aktuellen Status bin ich immer noch „Herr xxxx“. Ja, das musste ich heute wieder im Wartezimmer meines Hausarztes erfahren. Ich betrete die Praxis im Longshirt, TITTEN, Make-Up, einem klar erkennbaren Damenhaarschnitt. Ich erbitte mir nur eine Überweisung zum Endokrinologen. „Was darf ich denn als Anlasss hinschreiben?“ fragt sie freundlich. „Nun ja, für eine Hormontherapie aufgrund einer Transidentität“ antworte ich souverän in erhöhter Stimmlage, zuckersüß mit Augenaufschlag. Sie nickt, lässt mich natürlich erst mal warten, bis Herr Doktor das Ding auch unterschrieben hat.

„Herr xxxx, bitte schön“ brüllt sie durch den Warteraum, als sie mir die Überweisung aushändigt. Gefühlte 20 Omas und Opas wenden sich um und starren mich an. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. FAIL. Demaskiert. Die Illusion ist tot. JA ICH BIN EIN MANN…. immer noch. Und ich hasse es. Dass das Amtsgericht mich warten lässt, dass ALLE mich hängen und warten lassen….. denn ich BIN eigentlich schon Rebecca und trete auch so auf. Aber ständig bekomme ich dieses „Ich hab es nicht verstanden“-Verhalten an den Kopf geworfen. Ständig weist jedes amtliche Dokument darauf hin, dass ich nur etwas vortäusche. Als wäre ich ein Trickbetrüger auf Beuteschau. Ich bin unterhaltsam, eine Sensation. Das war’s.

Und dann natürlich IMMER diese Zweifel – wird es jemals anders sein? Wird ein korrigierter Ausweis alle überzeugen? Werden es Hormone, größere Brüste, eine Muschi……….ja, absichtlich so negativ belastet. Titten und Muschi machen keine Frau. Die Selbstwahrnehmung plus die selbstverständliche Akzeptanz der Umwelt machen eine Frau. Und? Bin ich eine Frau? Oder werde ich immer eine chirurgische Meisterleistung sein, verdammt zu einer Zirkusattraktion? Was, wenn ich niemals das selbstverständliche „Passing“ hinbekomme? All die Arbeit, all der Stress, all die Disziplin .- am Ende vielleicht für die Katz‘? Werde ich das aushalten, jemals zufrieden sein? Oder werde ich verwelken? Werde ich vielleicht einsam sterben, weil niemand mit mir eine ernsthafte Beziehung eingehen wollte?

Ja, die Welt ist toleranter geworden. Man wird nur noch schief angeguckt und nicht erstochen. Was sich NICHT geändert hat ist die klare Abgrenzung des Anormalen. Man kann immer unterhaltsam und ein Hingucker sein. Aber niemals einfach dazu gehören. Wie alle anderen sein.

Und ich bin NICHT so sensationsgeil wie manche Leidensgenossinnen. Ich will gar nicht auffallen und als Attraktion umringt sein. Ich will einfach ICH sein. Ich bin eben kein Kunstwerk, sondern ein ganz normaler Mensch, der im falschen Körper steckt. Naja, nicht ganz richtig. Im falsch ausgebildeten Körper. Ihn vollständig wechseln kann ich ja nicht. Ich kann nur dran rum modellieren.

Ich habe 35 Jahre gelitten. Werde ich es jemals schaffen diesen Dunstkreis überhaupt zu verlassen? Oder werde ich ewig unzufrieden sein in dem Wissen, dass ich eben nur nachgeholfen habe? Ich werde mich immer an den früheren Kerl erinnern. Ich WEIß dass ich zur Frau GEMACHT wurde. Ich weiß, dass da immer noch ein Y-Chromosomen in mir steckt. Ich weiß dass es NIEMALS 100% geben wird.

Und solange ich bloßgestellt, angestarrt und vorgeführt werde, kann es mir so egal sein wie ich will, was andere denken, denn ICH werde daran erinnert dass es einen Grund gibt mich anzustarren.

Versteht mich nicht falsch, ich werde keinen Schritt zurück machen. Keinen einzigen. Es wird weiter gehen. Ich mache mich nur langsam damit vertraut, dass auch das nur ein Schritt von vielen ist, mir selber irgendwann zufrieden in die Augen blicken zu können.

Ich bin nun mal nicht schlank, 1,60m klein, natürlich kaum behaart und mit einem zuckersüßen Gesicht und einer zarten Stimme gesegnet. Niemals. Ich kann nur versuchen mich manchem davon anzunähern. Also eher der Elefant im Tütü mit Brüsten und einer nachgebauten Vagina. Tröööt.

 

Ja, manche werden wieder den Kopf schütteln. Was stellt sich die Transe so an? Wieso macht man überhaupt so was bescheuertes?

Tja, ich bin es leid es zu erklären. Wirklich. Denn niemand, der/die nicht in dieser Lage ist, kann das jemals verstehen, wie es ist, sich so falsch und elementar unvollkommen zu fühlen. Das könnt ihr nicht. Punkt. Toleriert mich, oder geht mir aus dem Weg. Ich habe eine Wut in mir auf die Natur, auf Gott, auf das Schicksal, und ich werde aus dieser Wut die Kraft schöpfen diesen unvorstellbar grausamen Weg zu gehen. Denn nur darin sehe ich Erlösung. Zumindest kann ich mich dann im Dunkeln anfassen und mich für ein Mädchen halten. Diese wenigen kostbaren Momente, von denen es aktuell viel zu wenige gibt.

Meine Kraft scheint zu versiegen. Ich weiß langsam nicht mehr woher ich noch welche nehmen soll. Aber es ist ja erst ein Jahr überstanden. Da kommen ja noch zwei oder drei, bis wirklich große Veränderungen auch umgesetzt sind. Ich habe ja Hilfe. Einen Therapeuten der zu blöd ist einen Bericht zu schreiben, eine Krankenkasse, die die Ruhe weg hat, ein Amtsgericht, dass nur Flüchtlingsfälle behandelt und alles andere einstauben lässt … und nein, ich habe NICHTS gegen Flüchtlinge. Ich wünsche ihnen einen friedvollen Neuanfang. Ich ärgere mich nur über mein Pech, dass ich JETZT etwas will, wo keiner Zeit hat. Lasst mich verhungern……..ich mag es jeden Tag aufs Neue vorgeführt zu werden, weil mein Pass behauptet, dass ich ein Kerl bin. Ist eine Lapalie. Kann man einstauben lassen. Nicht so wichtig. Das mit der Würde des Menschen wird überbewertet. Alles First-World-Problems. Pienzer! Weichei!

Muss ich erst den Sterber machen und mich einweisen lassen damit IRGENDWER mich mal ernst nimmt?

P.S.: Sorry, der nächste Post wird wieder was fröhlicher. Ich arbeite daran.

ICH BIN REBECCA. Weil ich es mir doch immer wieder aufsagen muss und es MIR etwas bedeutet.

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